Rede zum Feierlichen Gelöbnis am 24.02.2010

Sehr geehrte Soldatinnen und Soldaten,

sehr geehrter Herr General Vollmer, sehr geehrter Herr OTL Unkelbach,

verehrte Ehrengäste,

liebe Eltern und Gäste der Rekruten,

 

Sie, meine jungen Damen und Herren Rekruten, stehen heute hier im Mittelpunkt.

Seit einigen Wochen sind sie Soldat und werden in  wenigen Minuten geloben: „Der Bundesrepublik Deutschland treu zu dienen, und das Recht und die Freiheit des deutschen Volkes tapfer zu verteidigen.“    

Sie dienen damit einer guten Sache, denn Sie zeigen nachdrücklich, dass Sie für Ihre Mitmenschen einstehen wollen.

Für diese Entscheidung sage ich Ihnen ausdrücklich Dank! Unser Land braucht Sie, jeden einzelnen von Ihnen!

 

Einen herzlichen Gruß richte ich an Ihre Angehörigen, an Ihre Freundinnen, Freunde und Bekannten, die heute nach Frankenberg gekommen sind, um mit Ihnen diesen Tag zu begehen.

 

Auch Sie, liebe Bürgerinnen und Bürger unserer Stadt, die Sie heute  hier die Reihen säumen, grüße ich herzlich.

Meine sehr verehrten Damen und Herren!

In diesem Jahr feiern wir den 20. Jahrestag der Deutschen Einheit.

Zwanzig Jahre ist es her, dass unser Volk die mit der  friedlichen Revolution 1989 eingeläutete Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten am       3. Oktober 1990 vollenden konnte - so wie es die Präambel des Grundgesetzes für die Bundesrepublik vorsah.

Zwanzig Jahre sind seither vergangen und unglaublich viel hat sich verändert in Deutschland, in Europa und in der Welt. Wahrscheinlich kann sich kaum einer von Ihnen, liebe Soldatinnen und Soldaten, bewusst an diese Zeit erinnern.

Sie kennen die Zeit vor der Deutschen Einheit nur vom Hören und Sagen. 

Wir Menschen erinnern uns vor allem an die guten Dinge gern und vergessen bzw. verdrängen mit der Zeit die weniger guten. So entsteht mit den Jahren ein anderes Geschichtsbild, ein wesentlich versöhnlicheres.

Wie war das damals 1990?

Die Euphorie der Wiedervereinigung weckte große Erwartungen an einen – vor allem schnellen - Wiederaufbau unserer Heimat.  Die sichtbaren Unterschiede beim Lebensstandard, die grauen Fassaden und unansehnlichen Städte, die Trabis und Wartburgs- alles sollte so schnell wie möglich überwunden werden und die Verhältnisse hier sich denen in den alten Bundesländern angleichen.

Große Veränderungen, die bis hinein in jede Familie reichten, mussten bewältigt werden. Was unser Land – vor allem unsere Bevölkerung – in den vergangenen zwanzig Jahren beim Wiederaufbau geschafft hat ist eine enorme Leistung.

Darüber sollten wir uns freuen, auch wenn bei weitem noch nicht alles so ist, wie wir es gern hätten. 

Wir dürfen nicht vergessen, dass dem Zusammenbruch der DDR der Zusammenbruch des gesamten östlichen Politik- und Wirtschaftssystems folgte. Derart tiefgreifende gesellschaftliche und wirtschaftliche Veränderungen, die sich außerhalb Deutschlands vollzogen haben,  wirken sich natürlich auf unser Land aus – z.B. der Wegfall ehemals sicherer Absatzmärkte, die Konkurrenz durch Billiglöhne, die steigende Kriminalität.

Das Deutschland von heute ist ein anderes als vor 20 Jahren. Wir sind Teil eines globalen Wirtschaftssystems. Das mag seine Vorteile haben. Doch vielen Menschen macht es Angst. Was ist noch sicher? Mein Arbeitsplatz? Meine Rente? Die Zukunft meiner Kinder?  

Das führt dazu, dass wir unseren Blick noch mehr auf die Probleme als auf die Chancen der Deutschen Einheit gelenkt haben.

Vieles, was sich seither in unserem Land von Grund auf verbessert hat, nehmen wir als selbstverständlich hin. Die Unzufriedenheit über das, was noch nicht erreicht werden konnte und über immer noch bestehende Unterschiede zwischen Ost und West - die bleibt.

Aber man darf nicht immer nur auf das noch nicht Erreichte schauen, man muss von Zeit zu Zeit auch zurück blicken und sich vergewissern, was alles durch Fleiß, Engagement und große solidarische Anstrengungen geschaffen worden ist.

Wie sah es denn aus im Bereich der Sicherheitspolitik?

Auf beiden Seiten der innerdeutschen Grenze standen sich hochgerüstete Armeen jederzeit einsatzbereit gegenüber. Planerisch standen dafür die 8. Sowjetische Garde-Armee mit drei mechanisierten Divisionen und einer Panzerdivision, die über rund 1.000 Kampf- und 1.200 Schützenpanzer verfügten, nur wenige Kilometer hinter der innerdeutschen Grenze bereit. Dem standen Amerikaner, Deutsche, Belgier, Franzosen und Kanadier in der damaligen Central Army Group der NATO Schulter an Schulter gegenüber.

Stabilität herrschte durch die gegenseitig angedrohte nukleare Vernichtung. Die Politik der Abschreckung war für die deutschen Staaten und ihre unmittelbaren europäischen Nachbarn beiderseits des Eisernen Vorhangs sozusagen existenziell.

Allein schon dies unterscheidet die damalige prekäre sicherheitspolitische Lage Deutschlands drastisch von unserer heutigen.

Doch es reicht nicht aus, bei diesem Blick zurück nur die militärisch-strategische Situation zu beleuchten.

Das sich hier zwei Armeen gegenüberstanden, war das Eine.

Das andere – menschlich und moralisch kaum fassbare - war, dass diese innerdeutsche Grenze  noch eine andere Funktion hatte. Sie verhinderte, dass Menschen die DDR verlassen konnten. Sie trennte nicht nur Dörfer mittendurch, sondern auch Familien. Sie wurde auf ostdeutscher Seite zur Todesfalle für Republikflüchtige. Und die Waffen der Wachsoldaten waren hier eben nicht nur auf den Gegner jenseits der Grenze gerichtet, sondern auch auf das eigene Volk.  Das sollten wir nie vergessen!

 

Im vergangenen Jahr erinnerten wir uns an den 20. Jahrestag der friedlichen Revolution.

Die Kraft des friedlichen Widerstandes, der Kerzen, Friedensgebete und Montagsdemos haben ein System zum Einstürzen gebracht, das das Recht und die Freiheit seines eigenen Volkes mit Füßen getreten hat.

Dass es trotzdem eine friedliche Revolution werden konnte, die am Ende zur Wiedervereinigung unserer deutschen Heimat führte, haben wir auch Staatsmännern wie Michael Gorbatschow, Georg Bush senior und Helmut Kohl zu verdanken. Sie schufen damals die Voraussetzungen für das Ende des Ost-West-Konfliktes.

Die innerdeutsche Grenze gibt es nicht mehr und aus den beiden gegnerischen Blocks im Osten und Westen ist die Europäische Union erwachsen. Was uns verbindet, ist unsere gemeinsame Kultur, ist die Sehnsucht nach Freiheit und Frieden und die Überzeugung, dass die Demokratie die einzige Staatsform ist die  das Recht, die Freiheit und Würde jedes einzelnen Menschen achtet und schützt.

 

 

Sie, liebe Soldatinnen und Soldaten dienen heute in einer Armee der Einheit.

In der Gelöbnisformel, die Sie dann sprechen werden, geloben Sie, der Bundesrepublik Deutschland treu zu dienen und das Recht und die Freiheit des deutschen Volkes tapfer zu verteidigen.

Auch wenn in Europa derzeit alles ruhig scheint, hat sich dennoch die Sicherheitslage in den vergangenen Jahren spürbar verändert. Aus der "Armee der Einheit" ist eine "Armee im Einsatz" geworden.
Die Bedrohungslage ist heute eine andere als vor 20 Jahren. Unter den veränderten Rahmenbedingungen ist Deutschlands Sicherheit heute in den Einsätzen im Ausland zu verteidigen.  

Ihre Kameradinnen und Kameraden der Panzergrenadierbrigade 37 „Freistaat Sachsen“ stellten für ein Jahr das gesamte ISAF- Kontingent in Norden Afghanistans. Bis Ende März werden alle wieder zuhause sein.

Das Fernmeldebataillon 701 trug von Januar bis Juli 2009 Verantwortung im Kosovo.

Der Dienst, den unsere Soldatinnen und Soldaten dort leisten, ist nicht nur gefährlich, sondern vor allem wichtig.

Wer den Einsatz unserer Soldaten im Ausland nur auf das Militärische reduziert, übersieht den eigentlichen Zweck:

Wenn wir wollen, dass die Menschen in diesen Ländern ihre Heimat wieder aufbauen und sich dort eine Existenz in Freiheit und Frieden schaffen können, dann geht das nicht ohne einen Schutz für diejenigen, die sich aktiv am Wiederaufbau beteiligen.

Die Armut der Bevölkerung ist eine ganz wesentliche Ursache für Instabilität und Gewalt in diesen Ländern. Sie ist nicht zuletzt die Brutstätte für Hass und Terrorismus.

 

Einem verantwortungsvollen Rückzug unserer Soldaten aus diesen Einsatzgebieten - den wir uns alle wünschen - muss deshalb der Aufbau eines einigermaßen funktionierenden Staatswesens und der Wirtschaft vorangehen.    Das ist die Herausforderung für die Staatengemeinschaft, die es zu stemmen gilt.

 

Sie, liebe Soldatinnen und Soldaten, werden während ihres Grundwehrdienstes nicht an Auslandseinsätzen beteiligt sein.

Die Panzergrenadierbrigade 37 wird sich jedoch nach ihrer Rückkehr schon bald auf den nächsten Afghanistan-Einsatz im Jahr 2012 vorbereiten. Vielleicht ist der eine oder andere unter ihnen, der dann als Soldat auf Zeit oder Berufssoldat gut ausgebildet hier auf dem Frankenberger Marktplatz in den Einsatz verabschiedet werden wird.

Ganz gleich, wie sie sich entscheiden - Ihren Dienst zum Schutz der Freiheit und des Friedens in unserem Land schätzen wir hoch.

 

Als Abgeordnete des Sächsischen Landtages kann ich Ihnen versichern, der Freistaat Sachsen mit unserem Ministerpräsident Stanislaw Tillich an der Spitze, steht fest zu Ihnen.

 

Liebe Rekrutinnen und Rekruten, heute ist Ihr Tag. Ihre Familien sind gekommen, um an Ihrer Seite zu sein, wenn Sie in wenigen Minuten ihr Treuebekenntnis auf die Verfassung, auf Staat und Gesellschaft öffentlich ablegen. Danach gehört der heutige Tag Ihnen und Ihren Lieben.

 

Für die verbleibenden Monate ihres Wehrdienstes wünsche ich Ihnen alles Gute, faire Vorgesetzte, redliche Kameraden und Gottes Segen.