Rede zur Eröffnung der Berufsinformationsveranstaltung der Handwerksberufe am 25. April 2005 in der Aula der Pestalozzi-Schule Mittweida

 

Also lautet der Beschluss:

Dass der Mensch was lernen muss. –

Nicht allein das Abc

Bringt den Menschen in die Höh;

Nicht allein im Schreiben, Lesen

Übt sich ein vernünftig Wesen;

Nicht allein in Rechnungssachen

Soll der Mensch sich Mühe machen;

Sondern auch der Weißheit Lehren

Muss man mit Vergnügen hören.“

 

Wilhelm Busch muss wohl schon vor nahezu 150 Jahren geahnt haben, dass das Lernen nicht mit dem Schulzeugnis der 9. oder 10. Klasse beendet ist, sondern ein ganzes Leben lang dauert. Heute mehr als jemals zuvor.

 

Ihr, liebe Mädchen und Jungen, habt euren Schulabschluss noch vor Euch. Trotzdem ist es wichtig, sich schon heute auf die nächste Etappe vorzubereiten – Euren Beruf.

 

Das Projekt „Brücke“ ist entstanden, weil sich eine ganze Reihe von Leuten Gedanken darüber gemacht haben, wie man einerseits den jungen Menschen helfen kann, einen – und möglichst den richtigen – Ausbildungsplatz zu finden. Andererseits geht es darum, den Handwerksbetrieben Unterstützung zu geben, gut ausgebildeten und hoch motivierten Berufsnachwuchs heranzuziehen. Dafür wollen wir eine Brücke bauen.

 

Es ist prima, dass so viele Mädchen und Jungen heute hierher gekommen sind, um sich zu informieren. Ich begrüße Euch alle sehr herzlich.

 

Auch an Sie, liebe Eltern, die Sie Ihren Kindern bei der Orientierung und Suche nach einem passenden Beruf Hilfe und Unterstützung geben, richte ich ein herzliches willkommen.

 

Sie sind interessiert an den Möglichkeiten, die Ihnen die  Handwerksmeisterinnen und –meistern der anwesenden Innungen für die Ausbildung Ihrer Kinder heute vorstellen werden. Aber sicher treibt Sie auch die Sorge, dass Ihre Tochter oder Ihr Sohn überhaupt eine Lehrstelle bekommt.

 

Bei all den wirtschaftlichen Schwierigkeiten – und die treffen besonders den Mittelstand –  für unsere Handwerksbetriebe war und ist die Lehrausbildung nicht nur eine Angelegenheit zur Sicherung des Berufsnachwuchses, sondern in erster Linie eine Herzensangelegenheit.

 

Ein Handwerksmeister übernimmt die Verantwortung für junge Menschen, um aus ihnen fachlich qualifizierte und motivierte Gesellen zu machen. Er verbindet damit auch den Ansporn, sie zu selbstbewussten und verantwortungsvollen Persönlichkeiten zu erziehen.

 

Einen, auf den das in besonderem Maße zutrifft, möchte ich stellvertretend für alle begrüßen, den Ehrenkreishandwerksmeister Rolf Geisler aus Göppersdorf. Herzlich willkommen!

 

Warum ist es so wichtig, dass sich Schule und Wirtschaft aufeinander zu bewegen?

 

Da ist erstens das Problem der fehlenden Lehrstellen in der dualen Ausbildung an sich. Wer seit einigen Jahren miterlebt, wie Geschwister, Freunde oder Bekannte vergeblich Bewerbungen geschrieben haben, bis sie dann entweder eine überbetriebliche Lehre antreten oder in die alten Bundesländer abwandern, dem fehlt der Ansporn. „Ich hab’ doch sowieso keine Chance, also warum soll ich mich anstrengen!“ 

Nein, anders herum wird ein Schuh draus. Gerade deshalb, weil es nicht so einfach ist, eine Lehrstelle und möglichst die im Wunschberuf zu bekommen, sind gute schulische Leistungen notwendig.

 

Es ist doch nicht richtig, dass Lehrstellen nicht besetzt werden können, weil sich kein geeigneter Bewerber findet. So bleiben Jahr für Jahr dringend benötigte Lehrstellen unbesetzt.

 

Leider gibt es auch immer wieder junge Menschen, die ihre Lehre vorzeitig abbrechen. Das ist für den Auszubildenden wie für den Handwerksmeister eine schlechte Erfahrung.

 

Die Gründe sind verschieden. Man hat sich unter dem zu erlernenden Beruf etwas anderes vorgestellt. Man hat die Anforderungen unterschätzt oder man passt einfach nicht zueinander.

 

Auch dagegen kann unser Projekt etwas tun. Nämlich zeitig genug Möglichkeiten der persönlichen Begegnung  schaffen um sich und den Beruf kennen zu lernen. Praktika und Ferienjobs sind dafür hervorragende Gelegenheiten.

 

Wenn Meister Geisler merkt, der junge Mann, der in seinen zwei Praktikumswochen bei ihm im Betrieb schnuppern kommt, hat Lust an der Arbeit und ist interessiert und neugierig auf den Beruf, dann wir er ihn auch mit einer drei in Mathe nehmen, selbst wenn bessere Bewerbungen mit der Post bei ihm eingegangen sind.

 

Es lohnt sich, sein Leben in die eigene Hand zu nehmen. Das ist der richtige Weg. Ihr alle, liebe Mädchen und Jungen, habt dazu heute einen ersten Schritt gemacht.

 

Die Handwerksbetriebe, die sich jetzt gleich vorstellen werden, sind wegen Euch gekommen. Stellt Eure Fragen und lasst Euch erklären, was ihr wissen wollt. Welcher Beruf zu euch passt und welche Chancen und Perspektiven ihr habt. Das zu wissen ist wichtig, um eine Entscheidung treffen zu können.

 

Nicht alle Blütenträume reifen und nicht immer ist der Traumberuf erreichbar. Aber das ist kein Grund, die Flinte ins Korn zu werfen. Es war auch früher nicht möglich, dass jeder den Beruf lernen konnte, den er unbedingt wollte. Unsere Welt ist im Wandel. Kaum einer wird sein ganzes Leben in seinem erlernten Beruf arbeiten können. Aber Ihr werdet gebraucht, auch wenn es gegenwärtig nicht so aussieht.

 

Wenn im Freistaat Sachsen  Schulen geschlossen werden müssen, so ist das kein böser Wille von Politikern, sondern eine schmerzhafte Anpassung an die Zahl der Schüler, die seit Jahren immer weiter sinkt.

 

Jetzt haben wir einen Tiefpunkt erreicht in den 5. Klassen. In 4 bis 5 Jahren verlässt diese Generation die Schule und steht am Ausbildungsmarkt zur Verfügung. Dann werden Lehrlinge fehlen, um den Bedarf an Fachkräftenachwuchs zu sichern. In vielen Bereichen ist es bereits gegenwärtig schwierig, gut ausgebildete Facharbeiter zu finden.

 

Wirtschaft und Schule sitzen also im gleichen Boot.  Der Unternehmer, der  mittelfristig denkt, darf seine Personalentwicklung nicht vernachlässigen. Deshalb bin ich dankbar und froh, dass sich heute so viele Handwerksmeisterinnen und –meister Ihnen bzw. Euch als Ansprechpartner zur Verfügung stellen.

 

Liebe Handwerksmeisterinnen und –meister, haben Sie Geduld mit den Mädchen und Jungen und tun Sie das, was Sie seit Jahren zuverlässig getan haben. Geben sie unserer Jugend eine Chance mit einer Lehrstelle, vielleicht auch über den eigenen Bedarf hinaus. Unsere Kinder sind unsere Zukunft und sie haben es verdient, dass wir uns um sie kümmern.

 

In diesem Sinne wünsche ich dem Projekt „Brücke“ viel Erfolg und Ihnen allen interessante Gespräche und Begegnungen.

 

Herzlichen Dank.